Giovanni Manetti, Fontodi: Das Weingut befindet sich seit 1968 im Besitz der Familie.

– Vor sechs Jahren führten wir unser letztes Gespräch. Damals waren Sie bereits Präsident des Consorzio Vino Chianti Classico. Was ist seither geschehen?
Giovanni Manetti: Vieles. Alles in allem ist die Situation angespannter geworden. Aber ich glaube, wir haben bewiesen, dass wir eine dynamische Denominazione sind. Es gibt immer wieder neue Sachen, neue Projekte. Ich
denke etwa an die Einführung der Bezeichnung UGA, also Unità Geografiche Aggiuntive. Diese stiess auf grosses Interesse.

– Worum geht es bei dieser neuen Klassifizierung?
Wir wollen damit die unterschiedlichen Herkunftsorte stärken. Das Gebiet des Chianti Classico ist ausgesprochen heterogen, jedes Dorf hat seine Eigenarten, und entsprechend entstehen ganz unterschiedliche Weine. Es ist richtig, dies zu unterstreichen. Gerade eine junge Klientel ist bestrebt, mehr zu wissen, mehr in die Tiefe zu gehen. Sie ist auch verstärkt interessiert, Produzenten und deren Betriebe kennenzulernen.

– Wann wurde die Unità Geografiche Aggiuntive eingeführt?
Das war 2023, die ersten Jahrgänge mit dieser zusätzlichen Bezeichnung betreffen die Ernte 2021. Bei Weinen mit dieser zusätzlichen Kennzeichnung handelt es sich immer um eine Gran Selezione, je nach Herkunft kann eines von 11 Dörfern mitgenannt werden, also etwa Greve, Radda oder Gaiole. Kenner hatten schon immer ein Auge darauf, aus welcher Ecke des Chianti­ Classico­ Gebiets der Wein stammt. Die Diskussion läuft, ob man die UGA auch auf die Riserva ausdehnen soll. Ich meine, man sollte es im Moment so belassen, aber wir werden das mit unseren 500 Mitgliedern weiter diskutieren.

– Werfen wir ein Blick zurück. Wie war das, die beiden Jahre nach Covid-19, nach Ausbruch der Epidemie?
In einer ersten Phase erlebten wir einen Boom. Dies galt nicht nur für meinen Betrieb, es galt für viele im Chianti­ Classico­ Gebiet und auch in anderen Regionen. Danach folgte eine Post­-Covid­-Euphorie, man ging wieder mehr aus, kompensierte. Jetzt hat sich alles beruhigt, und ja, es ist schwieriger geworden, als Folge des wirtschaftlichen Umfelds mit vielen problematischen Punkten. Dazu kommen die vermehrten Attacken auf den Weinkonsum generell, Weintrinken wird als ungesund dargestellt. All dies bremst. Es ist allerdings erfreulich, dass die Verkäufe von Chianti Classico stabil sind, und dies bei leicht erhöhtem Umsatz.

– Die Vermutung liegt nahe, dass dies auch mit der vermehrten Produktion einer Kategorie zu tun hat, des Gran Selezione. 2014 wurde sie eingeführt, und die Verkaufspreise liegen deutlich über denjenigen von Annata und Riserva. Welcher Anteil entfällt heute auf die Gruppe der Gran Selezione?
Volumenmässig sind wir langsam, aber stetig gewachsen und nun bei 6 Prozent angelangt. Bemerkenswert ist die Zunahme der Betriebe, welche Gran Selezione herstellen. Es sind heute 185, dies bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Chianti­-Classico-­Abfüller auch diese Kategorie im Angebot
führen. 2014 waren wir mit 33 Betrieben gestartet.

– Die restliche Produktion teilen sich Riserva und Chianti Classico?
Richtig. 37 Prozent der Produktion entfallen auf Riserva, 57 Prozent auf Chianti Classico.

«Es gibt eine besondere
Beziehung zu unserem Wein,
unserer Landschaft.
Chianti Classico war im
Schweizer Markt traditionell
immer gut verankert»
Giovanni Manetti

– Mit verschiedenen Projekten wurde in den vergangenen Jahren versucht, die Bedeutung der Sorte Sangiovese zu stärken.
Mit Einführung der UGA wurde auch die Zusammensetzung der Gran Selezione verändert. Internationale Sorten sind nicht mehr zugelassen, und Sangiovese muss neu mindestens 90 Prozent ausmachen, vorher waren es 80 Prozent. Der Rest können lokale Sorten sein wie Mammolo, Foglia tonda, Colorino oder Canaiolo, sie sind wie Salz und Pfeffer. Die Tendenz aber ist, dass vermehrt ausschliesslich Sangiovese verwendet wird, in allen Kategorien erhöht sich ihr Anteil fortlaufend. Aus meiner Sicht ist dies sehr positiv, es verstärkt Klarheit, Charakter und Einzigartigkeit.

– Auf 7000 Hektaren wird Chianti Classico produziert, davon werden bereits 60 Prozent nach biologischen Richtlinien bewirtschaftet und sind entsprechend zertifiziert. Das ist bemerkenswert, denn der italienische
Durchschnitt liegt unter 20 Prozent. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Produzenten haben kapiert, wie wesentlich eine nachhaltige Bewirtschaftung ist, gerade auch, wenn es darum geht, im Wein die Herkunft zu spüren. Dem kommt man mit einer entsprechenden Pflege des Rebbergs näher. Es geht also nicht allein um ökologische Aspekte, es geht
auch um Qualitätsverbesserung. Im Chianti Classico sind 70 Prozent aller Betriebe zertifiziert, in der Toskana liegt der Anteil bei 37 Prozent.

– Ihr Anbaugebiet steht für Rotwein, der tut sich in vielen Märkten schwer, in diesen werden vermehrt Schaumweine und Weissweine verlangt. Verlagert sich bei Ihnen die Produktion in diese Richtung?
Es gibt wohl einige Betriebe, die Weissweine herstellen, aber im grossen Stil wird Sangiovese nicht verdrängt werden. Und gewiss wird es unter dem Namen Chianti Classico weder Schaum­ noch Weisswein geben. Schwierigkeiten im globalen Markt sehe ich eher für Rotweine, die zu mächtig sind. Chianti Classico war nie ein schwerer Wein, war nie zu intensiv, zu reich, zu strukturiert. Chianti Classico verfügt über zeitgemässe Eigenheiten. Aber es ist klar, dass vermehrt Frische und Eleganz gesucht
wird.

– Gestern haben wir mit Giovanni Folonari gesprochen, dem Weinbetriebe in verschiedenen toskanischen Gebieten gehören, beispielsweise die Tenuta
di Nozzole im Chianti Classico, die Tenuta La Fuga in Montalcino oder die Tenuta Campo al Mare in Bolgheri. Er sagte uns, Bolgheri verkaufe sich von selber, mit Chianti Classico tue er sich schwer.

Bolgheri ist Mode, eine junge Denominazione, die grosse Aufmerksamkeit geniesst. Eine Zone mit grossen Namen, denken wir nur an Sassicaia oder Ornellaia. Mir macht das keine Angst, auch wegen der unterschiedlichen Mengen. Bolgheri ist viel, viel kleiner. Wir haben gute Karten in den Händen, um im Markt zu bestehen.

– Der Absatz in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren leicht vergrössert. Was sind dafür die Gründe?
Die Schweiz war schon immer ein wichtiger Markt. Es gibt eine besondere Beziehung zu unserem Wein, zu unserer Landschaft.

– Aber es ist doch interessant, dass Wachstum da ist, obgleich der Schweizer Rotweinimport rückläufig ist.
Die Schweiz verfügt über herrliche Weissweine, ganz besonders
mag ich das Gebiet des Dézaley. Die Berge, der See und Weine, die noch besser werden, wenn man sie ein paar Jahre lagert. Wie gesagt: Chianti Classico ist im Schweizer Markt traditionell gut verankert.

– Sie wurden 2024 zum dritten Mal für weitere drei Jahre als Präsident des Consorzio Vini Chianti Classico gewählt. Gibt es etwas, das zu realisieren Ihnen in Ihrer Amtszeit ganz besonders am Herzen liegt?
Es sind zwei Sachen. Einerseits unser Nachhaltigkeitsprojekt, das «Manifesto di Sostenibilità del Chianti Classico», es enthält 57 Regeln und betrifft die Bereiche Ökologie, Soziales und Kulturelles. Dies geht Hand in Hand mit unserem Bestreben, dass das Gebiet von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt wird. Wir hoffen auf einen positiven Bescheid in diesem oder im nächsten Jahr.