Matthias Gubler bewirtschaftet mit seiner Frau Sina etwas über 4 Hektaren in Maienfeld. Die jährliche Produktion liegt bei rund 35 000 Flaschen. (Foto: Foto Fetzer)


Matthias Gubler stammt aus Maisprach im Oberen Basel­biet. Zum elterlichen Betrieb gehörte ein Rebberg namens Clos Martha, der nach Gublers Grossmutter Martha Sutter­ Weiss benannt worden ist, weil sie ihn ursprünglich be­wirtschaftet hatte. Matthias Gubler fand nach Abschluss seiner Önologenausbildung an der Hochschule Wädenswil sein Glück in Kalifornien. Über zehn Jahre arbeitete er im Westen der USA, auf dem Weingut Vina Robles, und war dort am Schluss verantwortlich für die Produktion von rund 300000 Flaschen. Die Pinot­-noir­-Trauben seines familieneigenen Weinbergs daheim in Maisprach kelterte er damals auf dem Weingut der Jauslins in Muttenz. Matthias Gublers Lebenstraum war es immer, eines Tages auf einem eigenen kleinen Weingut seine eigenen Weine zu keltern. Als er sich im südlichen Piemont im Hügelland von Canelli umschaute, sich konkret ein kleines Rebgut ansah, lernte er dort eine Praktikantin kennen, Sina Möhr, Winzertochter aus der Bündner Herrschaft. Das war im Jahr 2005. Es folgten lehrreiche Zeiten in Italien, Frank­reich, Chile und natürlich Kalifornien. Doch der Piemont­ Abstecher von Matthias Gubler hatte sein Leben und das von Sina Möhr verändert, erst ihr privates, später auch ihr berufliches.

Voller Energie und Tatendrang kehrte das Paar in die Schweiz zurück, nach Maienfeld. Dort führen sie jenes Weingut in vierter Generation, das von Sina Möhrs Eltern zu seinem Namen Möhr­-Niggli kam. Matthias Gubler und Sina Gubler­-Möhr bewirtschaften heute etwas über 4 Hektaren in Maienfeld und 0,6 Hektaren in Maisprach. Ihr Fokus liegt vornehmlich auf der Burgundersorte Pinot noir. Seit 2019 sind die gesamten Weingärten von Sina und Matthias Gubler nach den Prinzipien von Fair’n Green zertifiziert.

– Vor ein paar Wochen haben wir zusammen mit Ihnen 9 Jahrgänge Pilgrim degustiert. Und jetzt stören wir Sie mitten in der Ernte.
Matthias Gubler: Meine Frau Sina ist draussen mit der Lese beschäftigt. Wir haben früh begonnen, sind praktisch einen Monat voraus.
– Auch im Vergleich zu den Ernten in den letzten Jahren?
Im Durchschnitt, denke ich, sind wir über die Jahre ge­sehen etwa zwei Wochen früher dran.
– Sie setzen keinerlei Traktoren ein.
Nein, nie. Bei uns ist alles Handarbeit. Wir stehen noch mit beiden Füssen in den Weinbergen. Uns ist die Boden­haftung wichtig. Was wir mit unseren Helferinnen und Helfern in einem Tag schaffen, würde ein Traktor in einer Stunde erledigen. Doch das ist nicht das, was wir als Winzer wollen.
– Weinberge werden heute gerne Weingärten genannt.
Ja, wir Winzer werden mehr und mehr zu Gärtnern.
– Wie gut werden die Weine des Jahrgangs 2022 sein?
2022 ist ein weiterer sehr, sehr guter Jahrgang, wie be­reits 2020 oder 2019.
– Der Pilgrim, Ihr Spitzenwein, ist eine Assemblage.
Ein Pinot noir aus verschiedenen Lagen.
– Die Trauben jeder noch so kleinen Parzelle werden separat geerntet, vergoren und in Fässern mit unterschiedlichem Volumen ausgebaut.
Ja, damit sich der Ausdruck der einzelnen Terroirs indi­viduell entwickeln kann. Die Assemblage machen wir also erst am Schluss. Meine Frau und ich degustieren zusammen und entscheiden.
– In welchem Jahr entstand der erste gemeinsame Wein von Ihnen und Ihrer Frau?
Matthias Gubler: Im Jahr 2008. Es war gleichzeitg der erste Jahrgang Pilgrim. Dessen Name im Althochdeutschen und Englischen für Pilger steht. Der Pinot des Pilgrim stammt ausschliesslich von alten Schweizer Klonen, und das Alter der Reben liegt bei 30 bis 50 Jahren. Die relativ hohe Lage unserer Weinberge von 550 bis 600 Metern ermöglicht eine lange Reife am Stock und sorgt für die nötige Frische im Wein.
– Eine der Pilgrim-Lagen in Maienfeld heisst ganz offiziell Pilger.
Das stimmt, das sind etwa 2 Hektaren. Uns gehört nur ein kleiner Teil. Das «Filetstück».
– Aber die Trauben aus dem Pilger-Wingert bilden das Herzstück Ihres Spitzenweins.
Nein, nein. Die Lage Pilger gibt mengenmässig viel zu wenig her. Wir haben Pilger­-Trauben auch schon mal deklassiert. Idealerweise haben wir 10 Fässer für die Assemblage.
– Der 2008er aus der Magnum, Ihr allererster Pilgrim, war mit einer der Höhepunkte der gesamten Pilgrim-Vertikale. Nach Jahren der Reife auf der Flasche bietet er auch heute allerhöchsten Genuss.
Das freut uns. Unseren Pilgrim zeichnet ein feines, kom­plexes Aromaspiel von fruchtigen und würzigen Kompo­nenten aus. Ideal gelagert bietet er auch nach über 10 Jahren nach der Ernte höchsten Genuss.
– Den 2020er Pilgrim bewerten wir ebenfalls hoch. Ein Wein, der sich bereits rar macht.
Die gesamte jährliche Produktion bei Möhr­-Niggli liegt bei rund 35 000 Flaschen. Vom 2020er Pilgrim haben wir weniger als die üblichen 10 000 Flaschen gefüllt, etwa 8000 bis 9000 Flaschen.
– Davon geht ein Teil in den Export.
Lediglich zwei bis drei Prozent.
– Mehr wäre schön?
Sicher, ja. 10 bis 15 Prozent wären ideal.
– Von der Handarbeit im Weinberg haben wir bereits gesprochen. Die Auslese der eingebrachten Trauben erfolgt ebenfalls von Hand?
Richtig. Auch die anschliessende Arbeit am Sortier­ und Rütteltisch.
– Ein guter Teil der Ernte wird aber nicht abgebeert?
Genau. Sie werden vielmehr als intakte Trauben in Holz­bottichen mit einem Fassungsvermögen von knapp zwei Tonnen vergoren. Der Ausbau in 228­-Liter­-Piècen erfolgt auf der natürlichen Feinhefe. Über einen Zeitraum von 14 bis 20 Monaten, abhängig vom Jahrgang.
– Sie sprechen gerne vom blauen und schwarzen Etikett. Dabei haben Künstler die Etiketten entworfen.Zum einen der Kalifornier John Jones, zum anderen der Bündner Künstler Dea Murk, der 2003 gestorben ist.
Dea Murk habe ich leider nicht mehr kennengelernt. John Jones ist ein Freund von mir, einer der Nachbarn aus mei­ner Zeit in San Luis Obispo in Kalifornien. Unser Pinot noir, der 10 Monate im Eichenfass reift und sich durch seine relativ frühe Trinkreife auszeichnet, trägt ein Etikett des Künstlers Dea Murk sowie rückseitig ein blaues Etikett. Das Pilgrim­Etikett zeigt die Darstellung einer Hand mit Pilgerstab, einen Holzschnitt des Künstlers John Jones, sowie rückseitig ein schwarzes Etikett.
– John Jones hat ein weiteres Etikett entworfen, für einen Pinot noir, den man nicht so kennt.Einen Lagenwein, der ausschliesslich in Magnumflaschen gefüllt wird und Magnus heisst.
Die Trauben für den Magnus stammen von über 30­-jährigen Pinot­-Reben, gepflanzt in der Lage Stellibofel. Ein herr­licher Rebberg von zwei Hektaren, umgeben von Mauern, Hecken und weiten Weideflächen, den meine Schwieger­eltern Forti und Magda Möhr­-Niggli zwischen 1990 und 1992 angelegt haben.
– In welchem Jahr entstand der erste Magnus?
Erster Jahrgang war der 2013er.
– Ein weiterer Lagenwein ist der Merlot
Er wächst in einer Lage, die Gutnerüel genannt wird. Die Trauben der nun 20­-jährigen Rebstöcke ergeben einen Wein mit kühlem Charakter, kühler Konzentration und Dichte. Tiefe Erträge spielen eine Schlüsselrolle, zudem sind die Merlot­-Trauben die letzten, die auf dem Betrieb gelesen werden.
– Wir liegen richtig: Ihr Herz schlägt mehr für den Pinot noir als für den Merlot?
Der Pinot noir steht klar im Mittelpunkt. Ganz persönlich mag ich Merlot generell nicht so sehr.
– Und Chardonnay?
Den habe ich in Kalifornien jahrelang vinifiziert, aber selten getrunken. Richtig kennen und schätzen gelernt habe ich Chardonay mit den weissen Burgundern.
– Einer Ihrer Weine, der Pinot Clos Martha, stammt aus Ihrer alten Heimat Maisprach im hügeligen Baselbiet.
Die Verarbeitung der Trauben und der Ausbau des Weines von rund 16 Monaten in französischer Eiche erfolgen aber in Maienfeld. Die fast 40 Jahre alten Reben wachsen auf Jurakalkstein im Sunnebärg, einer nach Süden ausgerich­teten Steillage auf rund 400 Metern.
– Beim Clos Martha folgte nach dem 2019er mit dem 2020er ein weiterer Spitzenjahrgang.
Für uns ist immer wieder erstaunlich, was für eine Dichte und Komplexität dieser Wein in einem perfekten Jahr an den Tag legen kann. So eher unbedeutend die Region für grosse Weine ist, so unterschätzt wird sie auch. Einziger Wermutstropfen beim 2020er: die kleine Ernte. Nach 2019 nochmals ein Fass weniger.

MÖHR-NIGGLI: PILGRIM-VERTIKALE